Philippe Progin mit einer DG-800S
Der Sonntag, 10. August 2003, wird Philippe Progin (GVV Gruyeres) noch lange in Erinnerung bleiben. Er konnte seinen lange ersehnten Traum, von Gruyeres aus eine Strecke von 1000 km in den Alpen zu bewältigen, verwirklichen. Es war der erste 1000km-Dreiecksflug über zwei Wendepunkte, der in der Thermik von der Schweiz aus realisiert wurde.
Nach einem Wettbewerb, an dem Philipp bereits eine Strecke von 848 km zurückgelegt hatte, war er überzeugt, auch einmal die 1000 km zu schaffen. Erstellte sich die große Frage: "Wo lege ich die optimalen Wendepunkte hin und wann kommt der Tag, an dem der ganze Alpenbogen von der Sonne angestrahlt wird?"
Am 3. August absolvierte Philippe einen Flug von 700 km Richtung Osten zwischen lnnsbruck und Martigny und am 6. August 770 km Richtung Westen zwischen Davos und Chamrousse. Diese Trainingsflüge nutzte Philippe, um die schwierigen Zonen zu analysieren. Er erhielt Klarheit darüber, dass er den Parcours schnell abfliegen musste, um die Distanz von 1000 km in einer vernünftigen Zeit zu bewältigen.
Des Wartens auf den Tag "X" überdrüssig, montierte Philippe am Abend des 9. August sein Flugzeug und füllte 120 Liter Wasser in seine Flügel.
Nun lassen wir Philippe erzählen:
Endlich soweit! Am Sonntagmorgen (10. August) traf ich um 8.30 Uhr auf dem Flugplatz Gruyeres ein. Meine Startzeit hatte ich auf 10.50 Uhr festgelegt. Um 11.05 Uhr fliege ich über Charrney auf 2000m MSL ab. Ich steige mit 1,2 m/s auf 2500 m MSL und nehme Kurs Richtung Spielgerten. Die Thermik ist vorhanden. Sie bringt mich zuerst auf 2000 und etwas später auf 3200 m MSL. Der Tag beginnt gut und meine Moral stimmt. Die Berner Alpen passiere ich ohne Schwierigkeiten und gleite schnell ins Oberwallis. Im Norden von Resch, bringt mich eine herrlicher Schlauch auf 3000m Msl. Nach Chur sind die Luftmassen unterschiedlich und die Aufwinde schwieriger zu finden. Sie liegen in der Talmitte. Richtung Landeck werden die Abdeckungen mit 4 bis 5/8 Cu immer wichtiger für mich.
Ich umrunde den ersten Wendepunkt nördlich von Innsbruck um 14.28 Uhr auf 2885m MSL. Ich bin genau im vorgesehenen Zeitplan drin (14.30 Uhr). Ich habe bis jetzt 333 km zurückgelegt, und der nächste Wendepunkt, Charnrousse, liegt 495 km weit entfernt. Einige Regentropfen fallen auf die Haube und natürlich ist das nicht sehr beruhigend. Ich muss hier rasch weg.
Auf dem Rückflug Richtung Landeck verdichten sich die Wolken, und die Thermik wird rar. Ich entscheide mich, in das wesentlich sonnigere Unterengadin auszuweichen und erreiche eine Höhe von 2200m MSL. Über Ramosch steige ich endlich wieder auf 3000m MSL. Ich gönne mir zur Belohnung eine Banane und wünsche mir, im Südosten von Samedan über jedem Berg einen herrlichen Cumulus vorzufinden. Aber würde einer nicht auch reichen?!?
Ich quere das Tal und dort - gegen den Albulapass - finde ich herrliche Aufwinde von 3 bis 4 m/s. In Graubünden sind die Aufwindzonen ziemlich weit voneinander entfernt. Ich fliege vorsichtig weiter, um keine Höhe zu verlieren. Oberhalb von Andermatt bin ich auf 2700m MSL. Neben der Krete ist die Thermik dann ein wenig flau, aber ich steige trotzdem noch auf 3200m. Ich verlangsame meine Geschwindigkeit, um den Überflug ins Wallis um 16.45 Uhr zu sichern, schwebe auf der Südseite von Stalden dahin und erreiche zuerst 2140 m. In einem Aufwind von 4 m/s steige ich wieder auf 3000m. Im Wallis läuft es gut. In Rui- nette, oberhalb von Verbier, bin ich auf einer Höhe von 3700 m MSL. Um 17.45 Uhr überfliege ich Martigny und ich beginne, an den Erfolg zu glauben. Pierre-Alain Desmeules, der ebenfalls in der Luft ist, hat einige Zweifel. Ich nicht, ich bin im festen Zeitplan drin.
Am Ausgang des Tales von Chamonix erwische ich gute Aufwinde bis auf 3700 m. Ein weiterer "Schlauch" befindet sich im Süden von Megeve. Während meines Anfluges zu meinem zweiten Wendepunkt, kann ich eine gute Durchschnittsgeschwindigkeit von 130 bis 100 km/h halten. Ich umrunde Chamrousse um 18.54 Uhr auf einer Höhe von 2000m, 6 Minuten vor der von mir errechneten Zeit.
Von diesem Moment an bleiben mir noch 195 km übrig, die ich zurückzulegen habe. Auf dem halben Weg beginnen sich die Cumuli, diskret zu verziehen, einer nach dem anderem. Ich lasse 30 Liter Wasser ab und die Belohnung folgt 20 Minuten später. Auf den Belledonne bleiben noch Steigwerte von 1,5 m/s und da und dort einige "Bärtchen" übrig. Im Norden von St. Remy en Maurienne steige ich mit 2 m/s auf 2000m und drehe Richtung Norden. Es sind keine Wolken mehr in Sicht. Ich reduziere die Geschwindigkeit auf 130 km/h. Ich möchte den Mont Blanc so hoch wie möglich erreichen. Erste Zweifel stellen sich ein, und ich denke an den Flug vom 8. August, den ich in Sallanches um 20.15 Uhr nach 940 km beenden musste. Die Rückkehr nach Hause erfolgte um 3.00 Uhr am Morgen, und ich nutze hier die Gelegenheit, um meinen Rückholern Guigui und Lionel zu danken.
Aber heute herrscht eine andere Situation vor. Es hat keine großen Cumulonimbus im Jura, die die ganze Region von Albertville und Chamonix in Schatten tauchen. Heute strahlt die untergehende Sonne, geschmückt von einem orangefarbenen Schleier. Es ist 19.50 Uhr. Ich erreiche die ersten Südhänge des Mont-Blanc in 2440m. Die Talsohle liegt bereits im Schatten, aber ganz dicht am Hang beginnt meine DG-800S sich zu schütteln. Ohne Wasser ist sie eine echte Kletterkünstlerin. Den Felsen entlang steige ich sachte Richtung Chamonix - zuerst mit 0,3, 0,5, 0,8 m/s, später mit erfreulichen 1,5 m/s.
Schließlich erreiche ich über Chamonix stolze 3125 m MSL. In diesem Moment sagt mir ein Blick auf meinen Computer: "Du wirst es schaffen." Ihr könnt euch meine Freude nicht vorstellen! Ich drehe mich zur Sonne um, die mir alles gegeben hat und zwinkere ihr zu. Sie wird rot und ist einige Minuten später verschwunden.
Ich überquere das Tal von Martigny in 2800m MSL. Es ist jetzt 20.27 Uhr, und ich fliege entspannt Richtung Dent de Morcleso. Doch in diesem Moment ändert sich die Situation, plötzlich sinke ich am Hang mit 3 bis 4 m/s und verliere so 230m - einfach damit im Cockpit ein wenig Stimmung aufkommt! Bei 2320m komme ich mit hängenden Ohren raus. Der Blickwinkel in Richtung CoI des Mosses ist flacher geworden, doch es müsste reichen, wenn so etwas nicht noch einmal passiert.
Nach diesem Erlebnis fliege ich behutsam in der Mitte des Tales, wo ich Abendthermik von 0,5 bis 1 m/s erwische. Im Flugplatzrestaurant in Gruyeres machen derweil die Spekulationen die Runde: "Wo müssen wir ihn heute wohl wieder abholen?!"
Ich überquere die Ziellinie in Charmey um 20.57 Uhr in einer Höhe von 1210m MSL und lande in Gruyeres um 21.03 Uhr. Ich halte vor der Flugplatzbeiz, öffne das Cockpit, werfe meinen Hut in die Luft und stoße vor Glück einen Jauchzer aus, bevor ich die "Welt umarme". Ein herzliches Dankeschön an all diejenigen, die mir geholfen haben, diesen wundervollen Flug zu schaffen!
Philippe Progin, GVV Gruyeres
(Übersetzung: Lucretia Hitz)