Rrrummms – ich schrecke auf und sitze senkrecht im Bett. Es ist drei Uhr morgens und wieder ist eine von den harten Schoten vom Baum gefallen und auf das Blechdach meines „Rondavels“ geknallt. Kalt ist es auch – ich sollte mir eine zweite Wolldecke nehmen.
Ein Schritt vor die Tür zeigt ein paar kleine Lämpchen der Bitterwasser-Farm und im übrigen nur einen Sternenhimmel von atemberaubender Schönheit. Wie bin ich hier nur hingekommen?
Auf der Bitterwasser-Farm, etwa 180 km Luftlinie südöstlich von Windhoek, der Hauptstadt von Namibia wird schon seit 30 Jahren Segelflug betrieben. Aber erst seit etwa 4 Jahren steht das Fliegen im Vordergrund, als nämlich der damalige Farmer sein Land verkaufte an eine deutsch-schweizerische Gruppe von Segelfliegern, die mit Fleiß, Zähigkeit und Kapital die verfallenen Gebäude, Hangars und Häuschen renovierten bzw. neu bauten und einen richtigen Flugbetrieb aufzogen zu Zeiten, wo in Europa fast überall Fliegerpause herrscht.
Derzeit hat die Gruppe 35 potenzielle Gesellschafter, wobei einige Anteile noch nicht plaziert sind – Sie können sich also noch beteiligen! Einen Anteil hat auch DG Flugzeugbau, was auch sinnvoll ist, weil dort so viele unserer Flugzeuge fliegen. Angesichts schwieriger Außenlandemöglichkeiten in der Wüste ist ein Motorsegler schon eine feine Sache!
Es ist erstaunlich, was in den letzten drei Jahren aus eigenen Mitteln in der Wüste entstanden ist:
Das Herzstück der Farm ist die eigentliche Salzpfanne, brettharter, ebener Sand von etwa 3 Kilometer im Quadrat. Allein diese Fläche ist größer als die Summe aller Start- und Rollbahnen auf dem Airport Frankfurt Rhein-Main! Weiterhin gehört dazu 3.500 Hektar Farmland, welches verpachtet ist und natürlich vor allem die „Palmenallee“, wo die Flugzeuge abgestellt werden und wo es zu den Wirtschaftsgebäuden geht.
Ein Hangar bietet Reparaturmöglichkeiten, Bungalows und Rondavels dienen der Unterbringung, ein sehr schöner Swimmingpool bietet die richtige Erfrischung (das Wasser war ganz schön kalt, weil die Temperaturen nachts so abfallen!) Für das leibliche Wohl sorgt eine deutsche Köchin mit ihren Helferinnen, die uns verwöhnten mit Straußenfilet und Wildgoulasch aber auch mit Kohlrouladen und Königsberger Klopsen!
Dass ich als „Mitgesellschafter“ diese Farm gern einmal sehen wollte, war schon lange klar. Von Oktober bis Februar soll dort schließlich überwiegend herrliches Flugwetter sein. Aber wie dahin kommen?
Ein äußerst deprimierender Vorfall veranlasste uns zu dieser Reise:
Ein Motor ging kaputt, weder durch Verschulden des Herstellers SOLO noch gar aufgrund unseres Verschuldens. Aber wie auch immer – der Kunde hatte das Flugzeug teuer nach Namibia transportieren lassen und da stand es jetzt mit einem Kolbenfresser.
Normalerweise hätten nun zwei Leute fahren müssen, ein Mechaniker und ein Prüfer. Zum Glück hatten wir aber in Toni Uhl einen externen Helfer zur Hand, der beide Funktionen in einer Person vereinte. Den konnten wir auch allein dorthin schicken! Allein? Ganz allein? Was kann da alles passieren? Das konnte ich natürlich als Chef nicht verantworten. Und so kam ich nach Namibia!
„Normale“ Segelflieger haben es etwas einfacher:
Man kann dort wie gewohnt einen Urlaub buchen und sein eigenes Flugzeug per Container dorthin transportieren und verchartern oder eben dort stationierte Flugzeuge tageweise mieten. Oft wird auch im Rahmen einer Rundreise durch Südafrika und Namibia Station in Bitterwasser gemacht, wo die Ehefrauen dann an den Pool oder auf Exkursionen in die Umgebung geschickt werden ....
Als wir jedenfalls Ende November auf der Farm ankamen nach 2 ½ Stunden Fahrt von Windhoek z. T. über Schotterpiste, hatte der gute Toni schon nach fünf Minuten einen Schraubenschlüssel in der Hand und legte sofort los. Eine riesige Aluminiumkiste war durch den Zoll gelotst worden und enthielt fast eine komplette Werkstatt samt einem vollständig montierten neuem Triebwerk.
Da ihm momentan keine akute Gefahr von Leoparden oder ähnlichem drohte, konnte ich erst mit einer DG-400 und später dann mit der DG-800B selbst die Segelflugmöglichkeiten erkunden.
Also das war ganz einfach schön! Es ist zwar die Landschaft nicht sehr abwechslungsreich, wenn sich in einem Radius von 200 Kilometern nur Wüste und Steppe erstreckt. Die thermischen Verhältnisse sind dagegen hervorragend gewesen. Als einigermassen vorsichtiger Pilot habe ich den Steigflug in 4.200 Meter Höhe abgebrochen, weil ich kein Sauerstoffgerät dabei hatte, aber die Kollegen sind in diesen Tagen bis zu 5.500 Meter gestiegen. Wenn man dann mit Höchstgeschwindigkeit dahin schießt, kann man schon das Jauchzen anfangen – insbesondere, wenn es zur gleichen Zeit zuhause nass und kalt ist!
Luftraumbeschränkungen sind in Namibia so gut wie unbekannt und gefährliche Begegnungen mit anderen Kollegen gibt es auch fast nicht. Aber gewisse Anforderungen stellt das Fliegen auch und ist nichts für Anfänger: An „schlechten“ Tagen geht es mit 2 bis 3m/sek aufwärts. An guten Tagen können es 6 m/sek sein und dann wird es schon recht ruppig und verlangt die Fähigkeit, einen engen „Bart“ sauber auszukurbeln. Aber wie lange dauert das schon – man ist ja schon nach 5 Minuten 1.500 Meter höher!
Ideale Flugzeuge sind zweifellos die Motorsegler. Während unseres Aufenthaltes standen 2 DG-400, 3 DG-800B, eine DG-500M, ein Nimbus 4DM und ein Ventus CT zur Verfügung. Aber auch reine Segelflieger kommen auf ihre Kosten durch das starke Schleppflugzeug vom Typ „Maule“ und eine abenteuerliche Winde am Wochenende, die zwar nur schwach motorisiert ist aber dafür einen 3 Kilometer langen Zaundraht als Schleppseil verwendet. So erreicht man auch die notwendige Höhe!
Und was ist das Schönste am Abend? Das große kalte Bier nach einem Tag in der trockenen Wüstenluft von mehr als 30 Grad C.
Das Klima ist übrigens durchaus nicht unangenehm warm, weil die Luft so wenig Feuchtigkeit enthält. Man muss nur unglaublich viel trinken.
Und noch ein Tip: Flieger sollten kein T-Shirt anziehen sondern kurzärmelige Hemden. Warum? Wenn das Flugzeug in der Sonne gestanden hat, verbrennt man sich an den Schnallen des Fallschirms jämmerlich den Hals! Wie überhaupt die Aufheizung der Flugzeuge am Boden schon ein Problem darstellt. In der Luft wird es dagegen aufgrund der im allgemeinen großen Flughöhen sehr angenehm.
Als für uns nichts mehr zu tun war, wurden wir mit der „Maule“ nach Windhoek gebracht, charterten uns eine Cessna 182 samt Pilot und flogen noch zwei Tage durch das nördliche Namibia zum Etoscha-Nationalpark mit seinen vielen Tieren.
Wenn ich jetzt aus dem Fenster in den grauen Himmel sehe, frage ich mich, ob das alles nicht nur ein Traum war. Denn eines erinnert mich auch nicht an die Reise – der Jet-Lag, den es bei nur einer Stunde Zeitverschiebung natürlich nicht gibt. Und darauf kann ich auch ganz gut verzichten!
Wer also außerhalb der Nordeuropäischen Saison einmal fliegen möchte, dem sei Bitterwasser sehr empfohlen: Traumhafte Thermik, nette Menschen, moderne Flugzeuge und fast immer Super-Wetter – wo hat man das sonst noch? Australien ist ja doch 2 ½ Mal so weit!
Kontaktadresse:
Lydia Caspar,
Kirchfeldstr. 14,
D-74564 Crailsheim
Tel.: 0049 (0)7951 5154
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